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Fiedenskapelle

Olsberg-Elleringhausen (51.340862 | 8.538253)

Danke fürs Leben

Dankbarkeit ist nah mit dem Staunen verwandt. Sie hebt uns aus dem Alltagsbewusstsein heraus, in dem man kaum wahrnimmt, was das Leben uns alles gibt.

Plötzlich durchströmt einen etwas, freudig, elektrisierend, überwältigend, und man erkennt, welch ein Geschenk einem gemacht wird. Durch einen anderen Menschen, durch einen Glücksfall oder einfach durch die Lust am Lebendigsein. Besonders intensiv wird es, wenn die Dankbarkeit nicht nur gefühlt, sondern auch ausgedrückt wird.

Es ist diese Intensität, die ich spüre, als ich in der kleinen Kapelle auf dem Ruthenberg bei Elleringhausen stehe. Es gibt sie nur deshalb, weil ihre Erbauer, alles Männer aus dem Dorf, einen eigenen Weg gesucht haben, der Welt etwas mitzuteilen. Von dem Leid, das sie erlebt haben, von der Dankbarkeit, mit dem Leben davon gekommen zu sein. Sie kehrten aus dem Krieg heim. Manche waren im Ort selbst von amerikanischen Soldaten gefangen genommen worden; weiße Fahnen, aus den Häusern gehängt, verhinderten, dass noch mehr Menschen starben. Andere kamen nach Jahren aus der Kriegsgefangenschaft, einige erst in den späten Fünfziger Jahren. Was sie an Grausamkeiten erlebt und selbst begangen hatten, ließ die Männer verstummen. Später nannte man sie die „schweigende Generation“. Sie zogen sich in sich zurück, grübelten, verzweifelten, versuchten zu verdrängen. Worte waren ihre Sache nicht. Sie handelten lieber. Die Kapelle, die sie Stein für Stein selbst errichteten, hoch über dem Dorf: Das taugte ihnen als Sprache.

An den Wänden sehe ich kleine Tontafeln. Darauf Ortsnamen, die sich tief ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingegraben haben: Verdun, Stalingrad, Narvik, Sedan, Ysselstein, el-Amain. Sie stehen für Schlachtfelder, Kanonenfutter, Kadavergehorsam, Massengräber. Auf jedem Täfelchen eine Anzahl von Kreuzen: die Zahl der Gefallenen. Elleringhausen zählte auch damals nur ein paar hundert Einwohner, 41 davon kamen im Zweiten Weltkrieg um, eine ungewöhnlich hohe Zahl. Eine Familie verlor vier von sechs Söhnen; das steht auf einer der beiden Sterbetafeln links und rechts vom Altar.

Noch im Gefangenenlager hatte einer der Männer, Josef Isenberg, gelobt: Sollte er all das überstehen, würde er der Mutter Gottes eine Kapelle bauen. Er fand Heimkehrer, die seine Gefühle teilten und mitmachen wollten. Es dauerte jedoch Jahre, bis sie sich vom Schock der Schlachten erholt hatten und ans Werk gehen konnten. Einer steuerte den Architekturplan bei, ein anderer Baumaterial, einige sammelten Geld für eine Glocke, die Gemeinde stiftete den Platz. Leid und Trost scheinen gleichermaßen die inneren Fundamente der Kapelle zu sein. 1967 war Einweihung. Seitdem steht die Marienstatue im Zentrum des dämmerigen Raumes. Sie strahlt Stille aus. Herzensruhe, Herzensgüte. Ein Ehepaar aus dem Dorf sorgt hier oben für frische Blumen; auch sie haben Verwandte im Krieg verloren.

Maria war für die trauernden und dankbaren Männer die „Königin des Friedens“, diesen Titel malten sie ihr auf die Wand über dem Altar. Weibliche Weichheit als Heilung für erlittene Härten. Das berührt mich als Besucher, auch heute, in ganz anderen Zeiten. Wie oft bin ich hart zu mir selbst, mit negativen Selbsturteilen, mit unerbittlichen Ansprüchen an mich. Die stille Stunde in der kleinen Kapelle löst etwas in mir, weicht etwas auf, lässt auch mich dankbar sein.

Ein paar Worte fanden die Männer dann doch noch. Im rauem Idiom der Gegend steht am Eingang geschrieben: „Väy Heimkehrer und ne Masse Guttwilliger buggern der Mutter Guades vam gurren Friän tatum Danke dütt Kapelleken im Sumer 1967.“ Diesen Ausdruck von Dankbarkeit und gutem Willen verstehe auch ich als des Plattdeutschen Unkundiger. Zwischen den Zeilen glaube ich, eine weitere Botschaft zu lesen: den Wunsch, nie wieder in einen Krieg ziehen zu müssen.

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Friedenskapelle Elleringhausen

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