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Gipfel des St. Muffert

Diemelsee-Heringhausen (51.371829 | 8.729665)

Eine neue Sicht auf die Dinge

Felsiger, mit Laubwald und Moos bewachsener Berggipfel mit Blick auf den Diemelsee.

Am Fuße der St.-Muffert-Klippe. Bevor wir hinaufkraxeln, stelle ich mir vor, es gäbe eine Seilbahn. So eine mit kleinen Gondeln, wie man sie von Freizeitparks kennt. Vom Ufer des Diemelstausees hinauf zum Gipfel. Unten mit Parkplatz und Imbissbude, oben mit Panorama-Café. Sicher, man hätte entlang der Seile eine Schneise in den schönen Wald schlagen müssen. Aber dafür wäre man in drei Minuten und ohne zu schwitzen nach oben gelangt. Klingt das verlockend? Meine kleine Fantasie hat einen realen Kern, den Plan für eine Seilbahn gab es wirklich mal. Er wurde, Gott sei Dank, verworfen. Nicht nur die Rodungen wären ein Frevel gewesen. Die Luftreisenden hätten sich auch um das Vergnügen einer Wanderung voller Entdeckungen gebracht. Der GeoPark-Führer Gerd Rosenkranz verspricht mir, auf dem Gipfel auch das Geheimnis zu lüften, wie das Sauerland eigentlich entstanden ist.

Der Pfad führt durch einen lichten Wald mit Buchen, Eichen, hier und da eine Esche und eine Hainbuche. „So sieht ein gesunder Bestand aus“, sagt Gerd, „und so wird es in vielen Gegenden des Sauerlands wieder aussehen, wenn sich die Fichten verabschiedet haben, weil sie die zunehmende Trockenheit im Sommer nicht aushalten.“ Wir queren mehrere kleine Quellen, an deren Verlauf sattgrüne Streifen von Bärlauch siedeln. Dort, wo der Hang steiler wird, verändert sich sofort die Szenerie. Die Bäume sind kleiner, verhutzelter, mit Ästen in irrwitzigen Verdrehungen. Sie behaupten sich auf unsicherem Terrain, aber es reicht nur für ein Leben mit bescheidenen Ansprüchen.





Blick vom St. Muffert

Die Wurzeln einer Eiche haben sich direkt in den fast senkrecht stehenden Schiefer gekrallt. Sie finden auch kleinste Spalten, so genannte Störungen, schieben sich hinein, immer auf der Suche nach Halt und nach Wasser. Wer hält hier wen? „Der Fels trägt den Baum“, sagt Gerd, „aber auch die Wurzeln halten den Stein.“ Klingt nach einem fairen Deal. Wir gelangen an eine Stelle, wo der Schiefer fast blank liegt. Wieder ein neues Bild. Wurzeln von Jungbäumchen, die sich hier ansiedeln wollen, werden von den scharfkantigen Steinplatten, die im Jahreslauf nach unten rutschen, einfach abrasiert. Keine Chance, hier alt zu werden. 

Nach einer knappen Stunde gelangen wir auf den Gipfel, den eigentlichen Seelenort. Nachdem vorher das Wasser des Diemelsees immer nur kurz bläulich durchs Blattwerk blitzte, können wir ihn jetzt in seiner ganzen, vielarmigen Form sehen, gespeist von den beiden Zuflüssen Diemel und Itter. Mich berührt das Gipfelkreuz in seiner Natürlichkeit, bestehend nur aus zwei rohen Baumstämmen, karge Kraft, so wie der steinige Grund, auf dem es errichtet wurde. In seiner Nähe suchen wir uns einen möglichst sicheren Rastplatz am steil zum Ufer abfallenden Hang, nicht anders als die vereinzelt stehenden Eichen, deren Ausharren unter extremen Bedingungen sich in gewundenen Gestalten verkörpert hat.            Der Blick schweift über die Hügel und Berge unter uns. Mal von Wald bedeckt, mal als Wiesenhänge. Ein Puzzle aus Grüntönen. Bisher dachte ich, die „tausend Berge“ des Sauerlandes seien entstanden, als vor Urzeiten die Kontinentalplatten aneinanderstießen und sich dadurch Gebirge auffalteten. Ja und nein, sagt Gerd. „Die Auffaltungen wurden über Jahrmillionen durch Wind und Wetter wieder eingeebnet. Eine Art Hochfläche entstand.“ Und die ganzen Berge? Gerd deutet hinunter auf den Lauf der Diemel: „Flüsse und Bäche, die waren das. Man sagt ja: Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Das Wasser als Skulpteur hat unterspült, weggeschwemmt, sich hineingefressen und tiefe und breite Kerben in die Ebene geschnitten. Die Berge sind also nur das, was die Erosionskraft des Wassers stehengelassen hat. Getrost könnte man das Sauerland auch „Land der tausend Täler“ nennen.





Gipfelkreuz St. Muffert

Wir sitzen noch lange unterm Gipfelkreuz. Werden stiller. Ich lasse unsere Wanderung noch einmal Revue passieren, entlang der Lebenszyklen von Bärlauch und Bäumen; der Gang durch die Erdzeitalter; die langsame Annäherung an den herrlichen Ausblick. Ein Gefühl von Ehrfurcht stellt sich ein. Darüber, wie die Naturkräfte des Erschaffens, Bewahrens und Zerstörens über Jahrmillionen wunderbar ineinandergreifen; wie Chaos und Ordnung zusammen einen endlosen Tanz aufführen, nie Gleichgewicht findend und bald wieder verlierend; wie auf lange Sicht all das Werden und Vergehen seine unbegreifliche Richtigkeit hat.

Und dann kommt mir angesichts des gerade Erlebten noch der Gedanke, was mir alles entgangen wäre – für drei Minuten Höhenschwindel in einer Seilbahn.

Autor: Michael Gleich





Blick auf den Schmalah See




Kräuter am Schmalahsee




Bäume spiegeln sich in der Wasseroberfläche

Den St. Muffert erreichen Sie am besten vom:

Wanderparkplatz Florenbicke an der Seestraße Heringhausen

Der 9,4 km lange Panoramaweg (PW Panoramaweg Heringhausen) bietet eine sehr schöne und abwechslungsreiche Wanderung im Nordosten des Sauerlandes. Zu Beginn führt ein steiler Anstieg hoch hinauf zum St. Muffert Aussichtsplatz.

Weitere Infos erhalten Sie über die Tourist-Information Diemelsee: Tel: 05633-91133, E-Mail: info@diemelsee.de





Gipfelkreuz St. Muffert - Panoramablick über den Diemelsee
Panoramaweg Diemelsee
Schwierigkeit: Mittel | Strecke: 10.2km | Dauer: 3:35h | Niedrigster Punkt: 386m | Höchster Punkt: 603m
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133808 Gipfel des St. Muffert
Gipfel des St. Muffert

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