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Steinbruch Hengböhl

Willingen-Usseln (51.278270 | 8.671564)

Einkehr

Begehbare Doppelspirale im Innern eines offen gelassenen Steinbruchs.

Wir sind sehr, sehr klein. Und wir sind sehr, sehr viele. Wir haben lange vor euch gelebt und – nehmt mir das bitte nicht übel – werden euch vermutlich um viele Millionen Jahre überleben. Mein Name ist Ostrakode. Ich wurde von den anderen, die übrigens auch alle Ostrakode heißen, ausgewählt, um euch von uns zu erzählen. Aus einem bestimmten Grund, den ich später verraten werde, habe ich diesen Steinbruch bei Usseln ausgesucht, um euch zu treffen. Was ihr mit meinen Botschaften anfangt, müsst ihr natürlich selber wissen. Dennoch erlaube ich mir einen kleinen Hinweis, wie man sie verstehen könnte: Nehmt euch nicht zu wichtig. Von wegen Krone der Schöpfung und so. Könnte ja sein, dass auch in der Schöpfung gilt: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Erster Punkt für uns: unser Reichtum an Varianten. Wenn man die Gorillas, Schimpansen und Orang-Utans bei euch hinzuzählt, habt ihr Hominiden es auf acht Arten gebracht. Und wir? Heute noch gibt es 10.000 bis 15.000 Arten von uns, Muschelkrebse in eurer Sprache. Im Laufe der Erdgeschichte waren es noch viele Spezies mehr, sodass man irgendwann mit dem Zählen nicht mehr nachkam.

Ihr fragt nach unserem Erfolgsgeheimnis? Anpassungsfähigkeit. Unsere Körper sind nur drei Millimeter klein, aber wir kommen damit überall gut zurecht. In Meeren, Flüssen und Bächen bis hin zu kleinen Wiesenpfützen. Wir sind tatsächlich mit allen Wassern gewaschen. Übrigens auch in Sachen Ernährung. Während bei euch Fleischesser, Vegetarier und Veganer noch miteinander streiten, sind wir konsequente Flexitarier. Unsere Devise: Nehmen, was kommt! Mikroalgen, abgestorbene Tiere, und wenn´s sein muss, verspeisen wir auch die Reste toter Nachbarn.





Labyrinth Steinbruch Hengböhl

Warum wir uns hier treffen, im Steinbruch Hengböhl? Erstmal, weil euch dieser Platz sicher gefällt. Die Steinwände umschließen ihn fast vollständig, ein Gefühl von Geborgenheit stellt sich ein, wenn man durch den schmalen Zugang eintritt. Ein Ort der Ruhe und der Einkehr, abgeschirmt gegen Lärm und Hektik der modernen Zeiten. In der Mitte zieht eine Spirale aus fußballgroßen Felsbrocken die Aufmerksamkeit auf sich. Sie ist von Renate Hill angelegt worden, der GeoPark-Führerin, die euch hierher gebracht hat. Ihr erinnert euch, was sie dazu sagte: „Ihr geht von außen nach innen, Schritt für Schritt, ein Sinnbild für den Lebensweg, mit freudigen Höhepunkten wie traurigen Tiefpunkten. Und wenn ihr die Spirale wieder verlasst, nachdem ihr euch von innen nach außen bewegt habt, seid ihr dieselbe Person, aber nicht mehr der gleiche Mensch.“ Ihr seht, das ist ein guter Ort, um über die eigene Lebensspanne nachzudenken, über Zeit, über Vergänglichkeit.

Genau das ist der Hauptgrund für unser evolutionäres Stelldichein hier. Ich wollte euch dezent darauf aufmerksam machen, wie kurz euer Dasein angesichts geologischer Ewigkeiten ist. Wo ihr gerade steht, einige von euch in Wanderschuhen, war vor 370 Millionen Jahren ein tiefes Meer. Auf dessen Grund, in der Schwärze, lebten schon damals wir, die Ostrakoden, gleitend, kriechend und schwimmend mit unseren Gliederfüßen. Irgendwann wurde es noch dunkler. Tonschlamm wurde Schicht auf Schicht gelagert, meine Artgenossen und ich wurden eingeschlossen, das Land hob sich, das Meer zog sich zurück, der Schlamm trocknete und wurde unter großem Druck zusammengepresst, Schiefer entstand. Und wir natürlich mitten drin. Versteinert. Eine stumme Erzählung von den Wechselfällen des Lebens. Schiefertafeln als Bibliothek fossiler Zeugnisse.





Steinbruch Hengböhl, Felswand

Wir kamen erst 1910 wieder ans Licht. Damals beschloss die Gemeinde Usseln, hier die Erde zu öffnen und Steine zu brechen. Für die Fundamente von Häusern und Scheunen wurden Bruchsteine benötigt, für den Bau von Bahngleisen jede Menge Schotter. Mit Hacken und Hämmern wurde schwer körperlich gearbeitet, später auch mit Schwarzpulver gesprengt. Stellt euch vor: Eine ganze Bibliothek wird zu Kies gemacht. Aber so waren nun mal die Zeiten. Heute, das wisst ihr von Renate Hill, ist der ehemalige Steinbruch eine GeoStation, ein Seelenort und eine Fundgrube für Fossilien. Versteinerte Brachiopoden, Muscheln, Trilobiten und Kopffüßler. Und natürlich wir, die Ostrakoden. Die GeoPark-Führerin hat immer ein Hämmerchen dabei, um Steine daraufhin abzuklopfen, welche Tiere aus dem Urzeit-Zoo sie beherbergen.

Nun ist es an euch, Schlüsse zu ziehen aus dem, was ihr gesehen und erfahren habt. Respekt vor der Evolution, der auch nach Milliarden Jahren nicht die Puste ausgeht? Eine Wahrnehmung von Erhabenheit? Vielleicht ein Zweifel, ob sich der Mensch zu Recht über alle anderen Kreaturen stellt? Das Gefühl, in eine größere und höhere Dimension eingebunden zu sein? Ich wünsche euch jedenfalls alle Zeit der Welt, in Ruhe darüber nachzudenken.

Autor: Michael Gleich

 

 





Steinbruch am Hengböhl




Steinwand am Hengböhl




Waldweg




Steinbruch auf einer Wiese

Den Steinbruch Hengböhl erreichen Sie am besten:

Start Wanderparkplatz Düdinghäuser Straße, 34508 Willingen-Usseln (610 m)

Weitere Informationen erhalten Sie über die Tourist-Information Willingen: Tel: 0 5632 9694353, E-Mail: willingen@willingen.de





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Seelenort Steinbruch Hengböhl
Schwierigkeit: Leicht | Strecke: 0.8km | Dauer: 0:15h | Niedrigster Punkt: 610m | Höchster Punkt: 659m
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Steinbruch Hengböhl