Winterlicht

Winterlicht?

„Ohne Schnee ist der Winter doof.“ Welch ein Irrtum! In den Sauerland-Wanderdörfern gibt es im Winter nicht nur kulturell und gastronomisch viel zu entdecken. Auch die Natur ist in den vermeintlich tristen Monaten ein Erlebnis wert – wenn man zur richtigen Tageszeit am richtigen Ort ist. Das zu schaffen, ist die Jagd nach dem Winterlicht.

Schnell wechselndes Wetter, dicke Wolken, tief stehende Sonne, Nebel und Schauer, Reif und Schnee als Reflektor, Farbspiele in den Wolken und natürlich die langgezogene, blaue Dämmerung mit warmem Kunstlicht: das ist Winterlicht!

In der Frühlingsausgabe einer führenden deutschen Fotozeitschrift las ich kürzlich: „Endlich Frühling! Jetzt ist es wieder Zeit, die Kamera aus dem Schrank zu nehmen.“ Wie bitte? Wer kommt denn auf die Idee, die Kamera im Winter in den Schrank zu legen? In der Hitze des Sommers könnte ich das ja noch verstehen, da lässt das Licht schließlich so manches Mal arg zu wünschen übrig: grell und weiß durch den Rest von Dunst am Sommerhimmel. „Milchsonne“ sagt man dazu in Nordeuropa. Alles sieht dann aus wie zu heiß gewaschen. Das ist vielleicht ein Moment, um die Kamera in den Schrank zu legen, aber doch nicht im Winter.





Osterkopf in Willingen im Winterlicht

Die Sonne schickt uns immer rein weißes Licht auf die Erde – Licht wie aus einem Studioblitz. Was im Studio dann die Lichtformer (Softboxen, Farbfolie, Reflektoren etc.) erledigen, leistet in der Natur das Wasser in all seinen Erscheinungsformen als Nebel, Regen, Dunst, Schnee, Reif, Wolken und feinen Eiskristallen in der Luft. Sie alle zusammen machen das Licht weich und sorgen auch für Farbtönung, weil die verschiedenen im weißen Licht enthaltenen Lichtfarben unterschiedlich gut durch die Daseinsformen von Wasser in der Luft hindurch kommen. Und schon haben wir das Theater: das winterliche Lichttheater.

Die von Wäldern und Wasser durchzogene Hügellandschaft des Sauerlandes ist die perfekte Bühne für dieses Theater. Schnee hilft, muss aber gar nicht zwingend vorhanden sein. Die Sauerländer Topografie bietet die idealen Voraussetzungen für das Wasser, um sich als Lichtformer so richtig auszutoben. Zu den Sauerländer Wintererlebnissen gehört also auf jeden Fall die Jagd nach dem Winterlicht, natürlich ohne die anderen Annehmlichkeiten aus den Augen zu verlieren, die die Sauerland-Wanderdörfer im Winter sonst noch so zu bieten haben.





Eine Frau genießt mit einer heißen tasse Tee den Winterbane dvor dem Kamin

Auf die Jagd nach Licht zu gehen, ist anstrengend und kalt; da braucht man Kalorien. Selbstverständlich wird jeder Sauerländer Wirt sagen, davon habe er gar nichts ins Essen hineingetan. Gesund, regional und bei Bedarf vegan – auf Sauerländer Gasthaustische kommt, was man sich heute idealerweise als Ernährung vorstellt. Das Rückgrat der Wanderdörfer-Gastronomie sind die guten Sauerländer Traditionsgasthöfe mit Hausmannskost und moderner Raffinesse, mit selbst gesammelten, regionalen Zutaten und ohne hochverarbeitete Zusätze. Kreative Schnellimbisse und Sternegastronomie tauchen oft in der Presse auf. Beides bietet das Sauerland, aber die Gasthöfe bilden die Grundlage der Sauerländer Gastlichkeit. Qualität, Regionalität der Produkte und faire Preise sind ihr Markenzeichen. Moderne Erfordernisse – vegetarisch, vegan, allergikergerecht etc. – sind keine seltenen Nischen mehr, sondern integrale Bestandteile der Speisekarten und Sphären der Kreativität. Glücklicherweise wird es im Winter früh dunkel. Da hat man mehr Zeit, die Gastfreundschaft der Wirte zu genießen.

Vor den Gaumenfreuden wartet auf die Lichtjäger das sinnliche Naturerlebnis. Zur richtigen Tageszeit draußen zu sein, ist dafür die wichtigste Voraussetzung. Rund um den Sonnenauf- und -untergang sollte man unterwegs sein, nicht in der Tagesmitte. Und schon fällt ein weiterer Vorteil gegenüber dem Sommer auf: Die Arbeitszeiten für Fotografen sind im Winter besser Biorhythmus-kompatibel als im Sommer. Das beste Licht findet man das ganze Jahr über rund um den Sonnenaufgang – anderthalb Stunden davor bis eine Stunde danach. Wenn man sich im Sommer dann mal ausrechnet, wann man aufstehen muss, um rechtzeitig auf einem Berg zu stehen, stellt mancher Fotograf fest, dass er solche Bilder gar nicht so dringend braucht, wie zunächst angenommen. Im Winter ist der Kampf mit dem Biorhythmus nicht ganz so hart.

Klaus-Peter Kappest

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